Was passieren kann, wenn ein Behinderter krank wird

Probewohnen mit Hinderniss

Die Namen wurden verändert. Die Handlung ist tatsächlich so geschehen und soll die Schwierigkeiten im Leben eines Behinderten aufzeigen.
Der junge Mann, über den hier erzählt wird, ist mittlerweile 22 Jahre alt. Ich will ihn mal Paul nennen. Paul ist aufgrund eines Behandlungsfehlers während der Geburt schwerstbehindert. Er leidet unter einer sehr starken Spastik an allen Gliedmaßen, der Beeinträchtigung seiner geistigen Fähigkeiten und seit 5 Jahren auch an sporadisch auftretenden Epileptischen Anfällen. Weil diese Anfälle nur gelegentlich Auftreten, das EEG keine Auffälligkeiten zeigt und Paul sich beharrlich weigert Medikamente zu nehmen, bekommt er keine Antiepileptika. Nun zur eigentlichen Geschichte:

Das Probewohnen

Paul befindet sich mit seinen 22 Jahren gerade in der sogenannten Ablösungsphase. Die Eltern sind doof. Der Kontakt mit Gleichaltrigen ist ernorm wichtig geworden und das Interesse am anderen Geschlecht nimmt zu. Um diesen Prozess zu fördern und nach 22 Jahren ununterbrochener Pflege auch mal etwas Freiraum für uns als Eltern zu schaffen, haben wir uns nach einer geeigneten, alternativen Wohnmöglichkeit für Paul umgesehen und konnten ein Probewohnen in einem entsprechendem Wohnheim für Behinderte vereinbaren. Da Paul auch Nachts Hilfebedarf hat kam nur ein Wohnheim mit Nachtdienst in Frage. Wir selbst wollten in dieser Woche endlich mal einen Kurzurlaub zu zweit an der See machen. Im Wohnheim hat Paul auch gleich 2 junge Damen kennengelernt mit denen er sich angefreundet und eine Menge Spaß hatte. Möglicherweise war das für den unerfahrenen Jüngling doch des Guten zuviel. Jedenfalls kam es nach 3 Tagen und 3 Nächten zu mehreren kurzen Epileptischen Anfällen und es passiert was passieren muss.

Freitag ca. 20:00
Nachdem Paul am Nachmittag schon mal gekrampft hatte und nun erneut krampft entscheidet sich die Nachtwache den Notarzt zu rufen. Dieser gibt ein Antikonvulsivum um den Krampf zu lösen und weist Paul zur Beobachtung in das nächstgelegene Krankenhaus ein.

Freitag ca. 23:00
Die Eltern erhalten einen Anruf von Dr. Fadi. Dr. Fadi ist nur schlecht zu verstehen, er sagt das Paul gekrampft hat, jetzt im Krankenhaus ist und das er eine Magenspiegelung machen möchte weil Paul sich kaffeesatzartig erbrochen hat. Dr. Fadi fragt ob er in etwa 1 Stunde nochmals anrufen kann. Auf diesen Rückruf warten wir noch heute.

Samstag ca. 09:00
Die Eltern checken am Urlaubsort aus und machen sie auf die Reise zum Krankenhaus, geschätzte Fahrzeit 5 Stunden.

Samstag ca. 12:00
Nachdem die Betreuerin ihre Frühschicht im Wohnheim beendet hat, möchte sie Paul im Krankenhaus besuchen und ihm ein paar Sachen bringen. Sie wird nicht zu ihm gelassen. Den Rucksack mit den Sachen darf sie bei der Schwester abgeben. Er ist später nicht mehr auffindbar.

Samstag ca. 17:00
Die Eltern treffen im Krankenhaus ein. Paul ist noch auf der Zwischenintensivstation. Paul ist ansprechbar aber ziemlich müde und kraftlos. Ein Arzt ist nicht zu sprechen.

Sonntag ca. 09:00
Jetzt ist auch ein Arzt zu sprechen. Es ist Dr. Fadi. Die medizinischen Fachbegriffe kann er uns an den Kopf knallen aber eine Unterhaltung in deutscher Sprache ist nicht möglich. Paul ist immer noch müde und schlapp. Wir sollen doch die alten Arztbriefe holen.

Sonntag ca. 13:00
Zwischenzeitlich haben wir die alten Arztberichte von zu Hause geholt. Das waren nur etwa 100 km Fahrt. Jetzt ist auch der Oberarzt zu sprechen. Man hat Paul auf Keppra eingestellt. Nein, das hat keine Nebenwirkungen wie müde machend oder so. Nein, es gibt auch kein Problem mit dem Geben des Medikamentes.

Sonntag ca. 16:00
Paul wird auf die Normalstation verlegt. Er kommt in ein 4-Bett-Zimmer zu 3 älteren Herren so ab 65 aufwärts. Paul ist noch immer am Tropf, er ist auch noch immer sehr schlapp und schläfrig. Der Urinbeutel an seinem Bett ist zur Hälfte gefüllt. Der Rucksack mit seinen Sachen ist weiterhin verschwunden.

Sonntag ca. 18:00
Das Abendessen kommt, der Vater gibt es ihm. Wo ist den das Medikament? Der Vater wollte gern sehen wie Paul das Medikament von den Schwestern nimmt. Auf Nachfrage erfährt er, das Paul sich strikt geweigert hat Medikamente zu nehmen und weil man ihn nicht zwingen wollte, hat man es einfach über die Infusion gegeben, so steht das auch in den Akten, im Gegensatz zur Aussage des Oberarztes. Muss Paul wirklich diese Medikamente bekommen? Andere Ärtzte waren bisher der Meinung, dass es auch ohne Medikamente geht, allerdings nicht so pflegeleicht.

Sonntag ca. 20:00
Der Entschluss ist gefallen. Nach Beratung mit Bekannten haben sich die Eltern entschieden Pal schnellstens aus dem Krankenhaus zu holen.

Montag ca. 08:00
Anruf des Vaters in der Klinik, Gespräch mit der Stationsschwester: Wir möchten Paul in 2 Stunden abholen und wünschen das er dann transportfertig ist. Wir möchten keine weitere Medikamentengabe und wir möchten, das die Infusion und der Katheder entfernt sind. Außerdem erwarten wir, das dann auch der verschwundene Rucksack mit seinen Sachen wieder aufgetaucht ist da wir sonst entsprechende Maßnahmen einleiten werden.

Montag ca. 10:00
Vor dem Krankenzimmer stehen 3 Ärzte, Stationsarzt, Oberarzt und Chefarzt. Der Chefarzt spricht jetzt von einer möglichen Lungenentzündung die bei einem Behandlungsabbruch Komplikationen machen könnte. Ich zeige meinen Personalausweis und den Betreuerausweis und unterschreibe die „Erklärung über die Ablehnung der weiteren Behandlung“. Wir laden Paul in unser Auto. Er ist noch immer total schlapp und kraftlos und schläft während der Fahrt nach Hause ein.

Mit kurzen Unterbrechungen hat Paul bis zum Donnerstag morgen, also fast 60 Stunden durchgeschlafen. Dann waren die Medikamente aus dem Körper heraus und er war wieder der Alte. Seine erste Frage war: Wann kann ich wieder Urlaub machen. Die Aktion „Probewohnen“ war trotz allen eine erfolgreiche Erfahrung für Eltern und Kind.